Evangelisches Bildungswerk München e.V.

Buch des Monats: Social Media in der Gemeinde

rezensiert von Annette Hüsken-Brüggemann

Ein kleines, feines Buch, das die Fragen und Bedenken gemeindlicher Entscheidungsträger realistisch darstellt und Mut machen will, den Social Media-Weg (weiter) zu gehen.

  • Wer wissen will, wie in Kirche und Gemeinde aktuell über Social Media gedacht wird…
  • Wer erste Einblicke in die Chancen und Herausforderungen des Web 2.0 aus christlicher Sicht und Praxis bekommen möchte….
  • Wer bereits im Netz unterwegs ist und versucht, eine kirchenkonforme Haltung zu bestimmten Themen zu entwickeln (für Fotos zahlen? Gefällt-mir Erfolge messen? u.ä.)
    …. der findet hier Antworten
    Auf 80 Seiten der in drei Teile (Grundlagen, Strategien, Praxisbeispiele) strukturierten Neuerscheinung im Eteos-Verlag versuchen die Autoren – darunter federführend Mechthild Werner, Social Media-Pfarrerin der Evangelischen Kirche der Pfalz und Ralf Peter Reimann, Pastor und Internetbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland – dem Leser die Social Media-Welten nahezubringen.

Das Ziel: Netzneutral durchblicken.
Die Herausgeber/Autoren möchten jenseits der Klage- oder Hohelieder über die sozialen Netzwerke einen „klaren Blick“ auf die „neue“ Medienwelt werfen (S.7).
Das gelingt insofern nur bedingt, da aufgrund der vielfältigen Beispiele aus dem Dialogalltag mit Social Media-Skeptikern der Eindruck hängenbleibt, dass die Karawane der Klagenden überwiegt. Ob das nicht bei manchem kritischen Leser „Siehste, das ist anstrengend/fragwürdig/….“ Reaktionen auslöst? Auf der anderen Seite ist der Grundton des Buches bei aller Empathie und Darlegung der eigenen Skepsis und Bedenken eindeutig pro Social Media. Das muss er auch bei dieser Argumentation:
Die Grundlage: Der christliche Sendungsauftrag und das Vorbild Jesu.
„Gehet hin in alle Welt“, lautet diese Mission, zu der für die Autoren auch die virtuellen Welten gehören. „Wer Christi Zusage hat „Ich will euch zu Menschenfischern machen“, kann zu einem weltweiten sozialen Netzwerk nur Ja sagen. Und wer bei Luther gelernt hat, was „Christum treibet“ und wie Medien dazu jederzeit willkommen sind, wird sich kaum einer Vermittlungsform verschließen wollen“, schreibt Werner in Kapitel 2 „Warum netzwerken?“ (S. 30).
Diese Argumentation ist überzeugend. Sie sich in Erinnerung zu rufen, ermutigt jeden dranzubleiben, der selbst versucht, Offenheit für die Auseinandersetzung mit den „Neuen“ Medien zu schaffen. Die Umfänglichkeit dieses damit fast schon „Totschlag-Arguments“ wirft aber auch die Frage auf, ob die Skeptiker sich dadurch nicht noch mehr in die Ecke gedrängt fühlen.
Die Autoren setzen zudem – bewusst oder unbewusst – auf die Kraft der Wiederholung und berufen sich an verschiedenen Stellen des Buches immer wieder auf diese Grundlage.
Das mag der besonderen Präsentationsform geschuldet sein, die sie gewählt haben.
Der Stil: Wie im Netz, so auch hier.
Werner und Reimann greifen die dialogische, informellere Kommunikationskultur des Social-Web auf.
In den beiden ersten Kapiteln, die soziale Netzwerke und ihre Verwendung einführen, wechseln sie sich in ihren Ausführungen ab. Dabei verwenden sie ihre Netz-Kürzel (mmh für „Mechhild meint heute“, Werners Blog, und Ralpe, Reimanns Twitter-Name).
So wird der Leser quasi en passant mit dem Social Media-Style konfrontiert und an die dort üblichen Kommunikationsformen sanft herangeführt.
Die Tandem-Ausführungen bringen leider auch Überschneidungen mit sich und hinterlassen beim Leser teilweise das Gefühl von Dopplungen oder auf-der-Stelle-Treten.
Besonders auffälliges Stilmittel: Die Kapitel- und Absatzüberschriften sind überwiegend als Fragen formuliert „Was dürfen soziale Netzwerke?“ (Kap. 1.3) „Wie sich zeigen?“ (Kap.2.3). Nette Idee, auf Dauer aber anstrengend bis albern, da in vielen Fällen das Fragezeichen ja allenfalls rhetorische Funktion haben kann („Darf Facebook alles?“ S. 26  äh, nee, natürlich nicht, „Dürfen wir kritisch bleiben?“, S. 27,  warum in aller Welt denn nicht?).
Den christlichen Ton versucht das Buch darüber hinaus durch entsprechende Wortspiele zu treffen: „Am Anfang war das Vorwort“, „Gehet hin und twittert“ (Kap. 3.4)
In Teil drei kommen weitere christliche Social Media-Macher mit ihren Erfahrungen mit verschiedenen Social Media-Plattformen zu Wort. Den Aufsätzen ist gemeinsam – und das trifft auf das ganze Buch zu – dass es keine Screenshots von den erwähnten Seiten oder Funktionen gibt. „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ – das gilt. m.E. auch und gerade für Social Media-Welten und hätte diese noch greifbarer gemacht.
Ein kleines Lowlight ist das Kapitel „Apps und Amen“. Zum einen, weil der Begriff App irreführend sein kann, da er im Sprachgebrauch oft speziell Handy-Apps meint, hier aber ganz allgemein weitere Social Media-Plattformen, die auch vom PC erreicht werden (Google+), gemeint sind. Zum anderen, weil man sich trotz der verständlichen Beschreibung der einzelnen Angebote des Eindrucks nicht erwehren kann, dass diese Inhalte hier auch „eben mal noch schnell“ untergebracht werden sollten und etwas lieblos ans Ende geklatscht wurden.
Kapitel 4 „Gut zu wissen – Rechtliches“ schließlich bietet dem interessierten Laien einen informativen, gut verständlichen Überblick über rechtliche Tretminengebiete des Social-Web. Durch das Aufgreifen persönlicher Beispiele („Honorar für Konfirmanden-Foto“) trifft auch Kapitel 4 wieder den allgemeinen Ton und Tenor des Buches: Den Social Media-Alltag durch konkrete Alltagsvorbilder greifbar und bewältigbar zu machen.
Fazit:
Den Autor/-innen gelingt hier, was sie auch als erfolgreichen Kommunikationsstil im Web 2.0 empfehlen: Persönliches einfließen zu lassen, ohne zu privat zu werden und so Interesse zu wecken und Mut zu machen – für die eigene Auseinandersetzung mit „Social Media in der Gemeinde“.

Social Media in der Gemeinde
1. Auflage 2013
Verlag eteos
80 Seiten, kartoniert
€ [D] 9,90
ISBN 978-3-87645-211-1

---