Evangelisches Bildungswerk München e.V.

Aus der Geschäftsstelle

Das Fest der Wärme

Letztes Weihnachten hat mir Annette H. nach meinem Weihnachtsartikel hier geschrieben. Sie hat vor bald fünfzig Jahren geheiratet. Ihre Mutter gab ihr beim Auszug eine Weihnachtskrippe mit. Die hatte Annettes Großvater als Heranwachsender gebastelt. Eine alte, schlichte Krippe. Ihre Geschwister haben sich später neue Krippen mit schönem Stall und hochwertigen Figuren gekauft. Und Annette? Dachte sich, deren Krippen glänzen, und ich hab die olle. Aber die kann ich doch nicht wegwerfen, oder? Beim Lesen ihres Briefes habe ich das Gefühl, die Krippe ist ihr von Jahr zu Jahr kostbarer geworden. Sorgsam wickelt sie die Figuren jetzt aus dem Seidenpapier. Warum?
Ihre Großeltern haben schlechte Zeiten erlebt. Den Krieg, die schwierige Zeit danach, als man nichts hatte. Ihre Oma konnte damals zu Weihnachten nur ab und zu die Schafherde erweitern. Sie hat sich jedes Schäfchen buchstäblich vom Munde abgespart. Diese Krippe ist also ein Zeichen für Armut, Leid, aber auch für Hoffnung in Krisenzeiten. So schwer die Zeiten waren, die Oma hat die Schäfchen gegen das Verzweifeln angekauft. Genau darum geht es an Weihnachten. Hoffen, auch wenn die Lage verzweifelt ist. Jesu Eltern ziehen als Obdachlose durch das Land. Sie finden keine Herberge. In einem luftigen Stall bringen sie dennoch das Jesuskind zur Welt. Dort, in dieser unwirtlichen und kalten Umgebung, beginnt das, was die ganze Welt verändert. Gott kommt in die Welt. Und die Schafe und andere Tiere geben dem Kind von ihrer Wärme ab. So wie Annettes Oma dem Enkelkind viel Wärme geschenkt hat. Weihnachten ist das Fest der Wärme. Bringt, so die Bitte, Wärme dorthin, wo Menschen frieren. Am Körper, aber auch in ihrem Inneren. Weil sie niemand in den Arm nimmt, tröstet, heilt. Weihnachten ist die Einladung, an ein großes Lagerfeuer zu kommen, das im Stall von Bethlehem seinen ersten Funken geschlagen hat.




Doch die Krippe von Annette ist noch viel mehr. Die vielen so unterschiedlichen Schafe an der Weihnachtskrippe sind ein Zeichen: Gott sieht jeden Menschen gleich an, so verschieden wir auch sind. Das zeigt uns Jesus. Er geht zu den Reichen und zu den Armen. Zu den Starken und zu den Schwachen. Zu den Gesunden und zu den Kranken. Er will alle für eine Vision begeistern: Das Reich Gottes. Man kann auch sagen: Das Reich der Liebe, der Vergebung, des Neuanfangs. Er ermutigt uns, auf die zuzugehen, die so ganz anders sind als wir. Er will uns bewegen, alte Streite zu begraben. Er macht uns das Angebot, zu versöhnen statt zu zürnen. Denn zürnen macht auf Dauer krank, versöhnen heilt. Er begleitet uns, wenn wir vor schwierigen Aufgaben stehen. Er wohnt, wie es der Erfurter Meister Eckhard gesagt hat, in uns. Wenn wir ihn in uns wirken lassen, wird die Welt eine andere, eine bessere. Leid und Geschrei und Krieg und Hass werden nicht mehr sein.
Puh, da sind wir ganz schön weit weg von. Aber was ist die Alternative? Aufgeben? Doch sicher nicht. Ganz im Gegenteil. Weihnachten ist unsere Vitaminspritze. Hyaluron fürs Herz. Serotonin für die Seele. Wer versucht, so zu leben, wie Gott es vorschlägt, bleibt nicht ohne Lohn. Wo ich versöhne, verzeihe, vergebe, lodert die Glut am Lagerfeuer neu auf.
Annette H. schreibt über ihre alte Krippe: „Das ist der feine Unterschied zu manch anderen Krippen: Meine Weihnachtskrippe hat Geschichte. Sie erinnert mich immer gern an meine lieben Großeltern. So bleiben sie durch Weitererzählen und speziell an Weihnachten unter uns.“
Wie schön ist diese Sichtweise! Und über die Großeltern hinaus sage ich: In jeder Weihnachtskrippe bleibt der präsent, der dort noch in Windeln gewickelt liegt. Jesus von Nazareth ist für uns gekommen. Tröster in trostlosen Zeiten. Das Angebot steht. Wer die Hände faltet und zu ihm spricht, klagt, bittet, bleibt nicht unerhört. Da wird es warm ums Herz. Funken sprühen. Und die Nacht hellt auf. Ist dann still und heilig. Versprochen!

Gesegnete Weihnachtstage
Ihr Felix Leibrock

Pfarrer, Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks, Autor

P.S.: Videos und meditative Texte finden Sie auch hier: https://www.instagram.com/felixleibrock/

Wenn Sie wissen möchten, wer sich hinter den Kürzeln (hinter den Überschriften) verbirgt, hier finden Sie die Lösung:
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